Als Serap von Ostrowski 1980 nach Ludwigshafen kam, war sie 16 Jahre alt und sprach kein Deutsch. Hinter ihr lag eine Kindheit, in der sie immer wieder zwischen Verwandten und ihren Eltern hin- und hergeschoben worden war. Vor ihr lag ein neues Leben in der Chemiestadt – und zunächst ein Ort, den sie als fremd, künstlich und kalt empfand.

Ihre Familiengeschichte steht im Zusammenhang mit dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen, das laut SWR am 30. Oktober 1961 unterzeichnet wurde. Bis 1973 kamen demnach fast 900.000 Türken nach Deutschland. Die Wirtschaft brauchte Arbeitskräfte, doch für viele Familien bedeutete die Arbeitsmigration auch Trennung: Eltern gingen nach Deutschland, während Kinder zunächst bei Verwandten in der Türkei blieben.

Zwischen Samsun, Ankara und Deutschland

Seraps Eltern zogen 1965 zum Arbeiten nach Deutschland. Ihre Tochter blieb zunächst bei der Großmutter in Samsun am Schwarzen Meer. Danach lebte sie bei einer Tante in Ankara, kurz bei ihren Eltern in der Nähe von Köln, wieder bei der Großmutter und später erneut in Ankara. Auch von ihren beiden älteren Geschwistern war sie getrennt.

Für diese Erfahrung hat Serap einen eigenen Begriff: Sie bezeichnet sich als „Kofferkind“. Der Koffer wurde für sie zum Symbol eines Lebens ohne festen Ort. „Mein Koffer wurde nie richtig ausgepackt. Ich war immer unterwegs, wurde hin- und hergeschoben. Deshalb sage ich: Ich war ein Kofferkind“, wird sie vom SWR zitiert.

Auf einigen Stationen ihrer Kindheit fühlte sich das Mädchen unerwünscht. Ein Cousin habe zu ihr gesagt: „Hau ab! Das ist unsere Wohnung! Ich will Dich hier nicht!“ Serap beschreibt, dass sie dadurch den Eindruck bekam, kein Zuhause zu haben. „Ich habe an meinem Koffer gehockt und geweint!“

Ein neuer Anfang in Ludwigshafen

Nach ihrem Schulabschluss in der Türkei wollte Serap Schauspielerin werden. Für eine Schauspielschule in Ankara hatte sie bereits eine Zusage. Dann forderte ihre Mutter sie auf, nach Deutschland zu kommen. Ihre Pläne für Ankara waren damit beendet.

Die Familie lebte inzwischen in Ludwigshafen, wo ihr Vater eine Stelle bei BASF angetreten hatte. Besonders irritierte Serap die Innenstadt: Das Rathauscenter und die Fußgängerzone waren neu eröffnet, Brunnen sprudelten, Blumen wuchsen und überall standen Sitzbänke. Die Sauberkeit und die ungewohnte Umgebung wirkten auf sie zunächst nicht vertraut.

Mit der Zeit lebte sie sich jedoch ein. Sie lernte Deutsch, heiratete, bekam vier Kinder und arbeitete in der Warenkontrolle eines Reinraumlabors in Mannheim. Heute hat sie sechs Enkelkinder und lebt mit ihrem Hund Oleg und zehn Katzen in den Mannheimer Quadraten.

Auch ihr früherer Berufswunsch erfüllte sich später: Serap von Ostrowski wurde Darstellerin bei der Bürgerbühne des Mannheimer Nationaltheaters. Trotz ihrer schwierigen Kindheit ist sie nach eigener Aussage dankbar für die Möglichkeit, in Deutschland frei ihre Meinung zu sagen.