Der Hemshof erzählt Ludwigshafens Stadtgeschichte auf engem Raum: von den frühen Höfen im Sumpfgebiet des Oberrheingrabens über den Aufstieg der BASF bis zu Kriegsschäden, Wohnungsnot und sozialen Verwerfungen. Bei einer Führung durch den Stadtteil erläuterte der Stadtführer Gerhard Brandt, welche Spuren diese Entwicklungen bis heute hinterlassen haben. Der Beitrag von Julia Glöckner wurde am 9. September 2026 veröffentlicht.

Vom Gutshof zum Stadtteil an der BASF

Der Name Hemshof geht laut Brandt auf „Heim des Hemo“ zurück, das erstmals im Jahr 770 in Urkunden erwähnt worden sei. Hemo und weitere Grundbesitzer hätten ihre Höfe auf Erhebungen in einem damals noch nicht aufgeschütteten Sumpfgebiet errichtet. Der spätere Stadtteil wurde schließlich eingemeindet.

Auch die Entwicklung Ludwigshafens zur Stadt spielte für den Hemshof eine wichtige Rolle. Nach Darstellung Brandts verlieh der Bayernkönig Ludwig Ludwigshafen 1842 die Stadtrechte. Ohne diesen Schritt, so die auf der Führung vermittelte historische Einordnung, würde die Stadt heute möglicherweise Oggersheim heißen.

Eine starke Trennung zwischen Hemshof und Innenstadt entstand mit der Eisenbahn. Die 1853 fertiggestellte erste Eisenbahnstraße verband den Winterhafen und damit die Rheinschifffahrt mit dem Kohlenbergwerk Bexbach. Ein Viadukt über 28 Gleise stellte die Verbindung zur Innenstadt her. Es verlief dort, wo heute Hartmannstraße und Maxstraße auf einer Linie liegen.

Das Viadukt wurde später abgerissen. Als Gründe nennt der Beitrag die Wirkung der tiefer gelegten Straßen bei Regen sowie die Entscheidung, die Konstruktion zu beseitigen. Von dem Bauwerk sind nach Angaben des Beitrags unter anderem Seiteneingang und Stelzenreste erhalten.

Architektur zwischen Wohlstand und Arbeiterviertel

Mit dem Wachstum der BASF entstanden im Hemshof Werkskolonien mit Kasernen und Häusern für Arbeiter. Rund um das Werk wuchsen außerdem weitere Arbeitersiedlungen. Für Beamte, Handwerker und Kaufleute entwickelten sich Wohnquartiere an der Prinzregentenstraße und in den Nebenstraßen.

Die Prinzregentenstraße war nach Brandts Darstellung eine repräsentative Straße mit Geschäften und Gastronomie. In vielen Häusern lagen Werkstätten und Geschäftsräume im Erdgeschoss, während die Eigentümer darüber wohnten und weitere Etagen vermieteten. Historistische Gebäude, denkmalgeschützte Häuser und aufwendig gestaltete Eingangstüren prägen den baulichen Eindruck des Viertels bis heute.

Die Fassaden verraten dabei auch etwas über die wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Bauherren. Sandstein und Granit waren teurer als Ziegel. Ein höherer Anteil an Naturstein deutet laut Brandt deshalb auf einen wohlhabenderen Investor oder Bauherrn hin.

Gleichzeitig entstanden rund um das BASF-Werk enge Mietkasernen und schlecht belüftete, beheizte oder belichtete Hinterhofgebäude. Der Beitrag beschreibt dieses Areal bereits um 1900 als sozialen Brennpunkt. Die BASF errichtete zudem am Gräfenauplatz erste Schlafhäuser, in denen Beschäftigte aus Tages- und Nachtschichten sowie Wochenendheimfahrer aus der Pfalz Betten teilten.

Krieg, Verfolgung und lange Wohnungsnot

BASF und Hafen gehörten im Zweiten Weltkrieg zu den wichtigen Angriffszielen. Bomben zerstörten laut Beitrag vielfach Dächer und Zwischendecken, während Fassaden stehen blieben. Deshalb finden sich heute an historischen Gebäuden teilweise moderne wirkende Dachaufbauten und Gauben.

Die Führung erinnerte außerdem an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Vor dem Prinzregententheater markieren Stolpersteine die Namen von Menschen, die fliehen konnten oder in Lager deportiert wurden. Gerhard Brandt nannte für Ludwigshafen 2.343 Tote und 49 Rückkehrer. Diese Angabe steht im Zusammenhang mit den Deportationen nach Gurs und später in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager.

Auch die Behandlung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern während der Luftangriffe war Teil der Führung. Nach Brandts Darstellung durften sie zunächst nicht in die Bunker. Das änderte sich später, als der Nachschub an Arbeitskräften aus den besetzten Ländern ausblieb und BASF mit den Arbeitsbedingungen der Häftlinge konfrontiert war.

Die Wohnungsnot endete nicht mit dem Krieg. In den Kasernen waren Untermieter keine Seltenheit; laut Beitrag teilten sich bis zu fünf Arbeiter ein Zimmer. Erst der staatlich geförderte Wohnungsbau mit vorgefertigten Bauteilen und die Entstehung der Gartenstädte verbesserten die Wohnsituation. Wegen der großflächigen Zerstörung dauerte diese Entwicklung bis in die 1970er-Jahre.

Wer heute durch den Hemshof geht, kann diese Geschichte an Gebäuden, Straßenverläufen und erhaltenen Bauteilen ablesen. Die Führung lädt damit dazu ein, den Stadtteil nicht nur als Wohnquartier rund um die BASF, sondern auch als sichtbares Archiv der Ludwigshafener Industrie-, Kriegs- und Sozialgeschichte zu betrachten.