Der BASF-Konzern aus Ludwigshafen prüft eine mögliche Übernahme des Essener Spezialchemieunternehmens Evonik. Nach Angaben beider Unternehmen hat BASF die RAG-Stiftung und Evonik zu einem möglichen freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebot für sämtliche Evonik-Aktien angesprochen. Ein konkretes Gespräch über einen Deal findet derzeit jedoch noch nicht statt.
Für BASF wäre der Schritt ein Milliardenprojekt: Evonik kommt an der Börse auf einen Wert von mehr als acht Milliarden Euro. Gleichzeitig betont BASF, dass der Ausgang der Sondierungen offen ist. Für den Standort Ludwigshafen fällt der Vorstoß in eine Phase, in der der Konzern parallel Stellen abbaut und sein Geschäft neu ordnet.
Keine Verhandlungen über ein konkretes Angebot
BASF bestätigte die Gespräche mit Evonik und der RAG-Stiftung. Das Unternehmen erklärte: „Fortgang und Ausgang der Sondierungen sind gegenwärtig offen“. Evonik teilte mit, BASF habe sich unverbindlich an das Unternehmen gewandt. Ziel sei ein freiwilliges öffentliches Angebot an alle Aktionäre.
Nach Angaben aus Essen gibt es derzeit aber keine Gespräche über ein konkretes Übernahmeangebot. Auch die RAG-Stiftung bestätigte, dass sie von BASF angesprochen worden sei, äußerte sich darüber hinaus jedoch nicht. Die Stiftung ist für den möglichen Ausgang besonders wichtig: Sie hält nach eigenen Angaben rund 43,8 Prozent an Evonik. Ihre Haltung könnte damit für einen Zusammenschluss entscheidend sein.
Die Stiftung wies außerdem darauf hin, dass derzeit drei Schuldverschreibungen mit einem Umtauschrecht in Evonik-Aktien ausstehen. Medienberichte von „Financial Times“ und Bloomberg hatten zuvor über die Überlegungen berichtet. Bloomberg zufolge sondiert BASF seit mehreren Monaten mit Beratern einen möglichen Deal.
Warum BASF Evonik prüfen könnte
BASF untersucht nach eigenen Angaben regelmäßig strategische Zukäufe. Diese sollen unter anderem die Kerngeschäfte stärken, profitables Wachstum ermöglichen und den Unternehmenswert steigern. Bei einer Übernahme von Evonik könnte BASF seine regionale Präsenz und seine Produktpalette erweitern.
Als weiterer möglicher Hintergrund gilt der Wettbewerb mit chinesischen Anbietern. Die „Financial Times“ berichtete unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen, BASF wolle mit einem Kauf in diesem Wettbewerb stärker aufgestellt sein. Eine endgültige Entscheidung über ein Angebot gibt es jedoch nicht.
Der Chemiesektor steht zugleich unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Laut dem Bericht haben stark gestiegene Energiekosten infolge des Kriegs im Nahen Osten die Lage für Chemiekonzerne erschwert. In einzelnen Bereichen sorgen Knappheiten bei Produkten zwar für steigende Verkaufspreise und eine Sonderkonjunktur, insgesamt setzen beide Unternehmen aber auf Einsparungen und Veränderungen.
Stellenabbau und Umbau bei BASF und Evonik
BASF baut seit Längerem Arbeitsplätze ab. Von Januar 2024 bis Ende Juni 2026 verringerte der Konzern seine weltweite Beschäftigtenzahl nach eigenen Angaben um rund 7.000 Stellen. Der Stellenabbau betrifft insbesondere auch das Stammwerk in Ludwigshafen. Wegen gestiegener Preise hob BASF-Chef Markus Kamieth laut Bericht dennoch die Gewinnprognose für das laufende Jahr an.
Zum Umbau gehört außerdem die Neuordnung einzelner Geschäftsbereiche. Ende Juni schloss BASF den Verkauf von 60 Prozent des Geschäfts mit Fahrzeugserien- und Autoreparaturlacken an den US-Finanzinvestor Carlyle ab. Die übrigen 40 Prozent hält BASF weiterhin über das Gemeinschaftsunternehmen Surventis; ein vollständiger Ausstieg ist geplant. Zudem soll das Landwirtschaftsgeschäft an die Börse gebracht werden.
Auch Evonik spart. Bis Ende 2029 sollen weitere 3.200 Stellen wegfallen, davon 2.150 in Deutschland. Der Konzern will außerdem das unprofitable Polyester-Geschäft mit einem Jahresumsatz von rund 150 Millionen Euro einstellen. Weitere Verkäufe sind vorgesehen, darunter die Trennung vom Geschäft mit Standardchemikalien der Sparte Performance Materials.
Evonik-Chef Christian Kullmann ist nach einer Operation derzeit krankheitsbedingt nicht im Amt. Vertreten wird er von Asien-Chef Claus Rettig. Ob aus den derzeitigen Sondierungen ein Angebot oder eine Übernahme entsteht, bleibt nach den vorliegenden Angaben offen.