Menschen, die häusliche oder sexualisierte Gewalt erlebt haben, können im Klinikum Ludwigshafen medizinische Hilfe und eine vertrauliche Spurensicherung erhalten, ohne unmittelbar eine Strafanzeige stellen zu müssen. Das Angebot „Vertrauliche Hilfe nach Gewalt“ wurde am Donnerstag, 6. August 2026, im Klinikum vorgestellt. Es soll Betroffenen ermöglichen, sich behandeln und mögliche Spuren sichern zu lassen, während sie selbst entscheiden, ob und wann sie weitere rechtliche Schritte einleiten.
Die Unterstützung ist kostenlos und unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht. Das Klinikum ist nach Angaben zur Vorstellung des Projekts grundsätzlich rund um die Uhr erreichbar; eine vorherige Anmeldung ist nicht zwingend erforderlich. Damit gibt es in Ludwigshafen eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Menschen, die nach einer Gewalttat zunächst medizinische Versorgung benötigen, aber noch keine Entscheidung über eine Strafanzeige treffen können oder wollen.
Drei Säulen verbinden Medizin, Beweissicherung und Beratung
Das Projekt beruht auf drei miteinander verbundenen Bereichen: der vertraulichen medizinischen Versorgung, der gerichtsfesten Spurensicherung und der psychosozialen Begleitung nach der Tat. Verletzungen können behandelt und dokumentiert werden. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, Beweismaterial professionell sichern zu lassen. Fachberatungsstellen können Betroffene anschließend bei der Verarbeitung des Erlebten und bei der Entscheidung über weitere Schritte unterstützen.
Die Entscheidung bleibt dabei bei der betroffenen Person. Wer zunächst keine Anzeige erstatten möchte, muss dies nicht sofort tun. Befunde und gesicherte Spuren können beim Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz über mehrere Jahre aufbewahrt werden. Erst wenn sich die betroffene Person später für eine Strafanzeige entscheidet und die erforderliche Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht erteilt, können die Informationen an die Ermittlungsbehörden weitergegeben werden.
So soll verhindert werden, dass wichtige Beweise allein deshalb verloren gehen, weil jemand unmittelbar nach der Gewalt noch nicht bereit oder in der Lage ist, eine Anzeige zu erstatten. Die medizinische Hilfe und die Möglichkeit einer späteren Strafverfolgung werden miteinander verbunden, ohne Druck auf die Betroffenen auszuüben.
Geschultes Personal und standardisierte Untersuchungskits
Die Ärztinnen und Ärzte der teilnehmenden Kliniken sind für den Umgang mit Menschen nach Gewalterfahrungen besonders geschult. Neben einer sensiblen Behandlung geht es darum, Verletzungen und mögliche Spuren fachgerecht zu erkennen, zu dokumentieren und für ein mögliches späteres Strafverfahren nachvollziehbar festzuhalten. Die betroffene Person entscheidet selbst, was untersucht und dokumentiert werden soll.
Für die Untersuchung stehen standardisierte Kits zur Verfügung. Sie enthalten unter anderem Materialien für Abstriche und die Sicherung möglicher DNA-Spuren. Hinzu kommen Hilfsmittel für die medizinische und fotografische Dokumentation von Verletzungen. Durch ein einheitliches Vorgehen soll unabhängig vom jeweiligen Klinikstandort eine qualitativ hochwertige und nachvollziehbare Spurensicherung möglich sein.
Die vertrauliche Sicherung kann auch dann erfolgen, wenn zunächst keine Anzeige erstattet wird. Damit erhalten Betroffene Zeit, das Erlebte zu verarbeiten und sich beraten zu lassen. Eine spätere Entscheidung für eine Strafanzeige bleibt möglich, während die dafür relevanten Befunde und Spuren aufbewahrt werden können.
Hilfe für Betroffene ab 14 Jahren
Das Angebot richtet sich nicht ausschließlich an erwachsene Frauen. Auch andere Menschen ab 14 Jahren, die von sexualisierter oder häuslicher Gewalt betroffen sind, können die vertrauliche Hilfe in Anspruch nehmen. Für die Betroffenen entstehen keine Kosten. Nach der medizinischen Versorgung kann das Klinikum auf Wunsch den Kontakt zu regionalen Frauenunterstützungseinrichtungen herstellen.
Dort ist psychosoziale Unterstützung möglich. Außerdem können Fachberatungsstellen bei der Frage helfen, welche weiteren Schritte für die jeweilige Situation sinnvoll sind. Die Unterstützung endet damit nicht zwingend nach der Untersuchung im Klinikum, sondern kann in eine weitere Beratung und Begleitung übergehen.
Vorstellung mit Fachleuten aus mehreren Bereichen
Bei einer Pressekonferenz um 15 Uhr erläuterten Vertreterinnen und Vertreter aus Medizin, Rechtsmedizin, Polizei und Opferhilfe das Konzept. Die Begrüßung übernahm Dr. Eefje Barber, Medizinische Geschäftsführerin des Klinikums Ludwigshafen. Beteiligt waren außerdem Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Ministerin für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Jugend, Jana Mohr von der Polizeilichen Opferberatung, Prof. Dr. med. Tanja Germerott, Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin Mainz, sowie Dr. Peter Brenk aus der Akut- und Notfallmedizin.
Auch Dr. Klaus Baumann, Direktor der Frauenklinik, Lea Wagner vom Verein Wildwasser und Notruf Ludwigshafen sowie eine Vertreterin des Frauenhauses nahmen an der Vorstellung teil. Die Zusammensetzung zeigt den Netzwerkgedanken des Projekts: Medizinische Versorgung, Rechtsmedizin, Polizei, Frauenhaus und spezialisierte Beratungsstellen sollen zusammenarbeiten, anstatt Betroffene mit den einzelnen Zuständigkeiten allein zu lassen.
Nach Angaben bei der Pressekonferenz beteiligen sich bereits zwölf Kliniken in Rheinland-Pfalz an dem Angebot. Gespräche mit weiteren Kliniken laufen. Ziel ist es, möglichst vielen Betroffenen im Land einen wohnortnahen und niedrigschwelligen Zugang zu vertraulicher Hilfe nach häuslicher oder sexualisierter Gewalt zu ermöglichen.
Warum frühe medizinische Hilfe wichtig sein kann
Nach einer Gewalttat sollten Betroffene möglichst früh medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Verletzungen können innerhalb kurzer Zeit verheilen. Spuren können außerdem durch Waschen oder andere Einflüsse verloren gehen. Auch scheinbar kleinere Verletzungen wie Kratzer oder Hämatome können für die medizinische Dokumentation und eine mögliche spätere Strafverfolgung bedeutsam sein.
Im Klinikum genügt nach Angaben des Angebots der Hinweis: „Ich brauche vertrauliche Hilfe.“ Eine vorherige Anmeldung ist nicht zwingend erforderlich. Das Klinikum Ludwigshafen am Rhein befindet sich in der Bremserstraße 79, 67063 Ludwigshafen.
- Frauenklinik: 0621 / 503 32 51
- Zentrale Notaufnahme außerhalb der regulären Zeiten: 0621 / 503 40 06
Mit der Beteiligung am Projekt übernimmt das Klinikum für Ludwigshafen und die Metropolregion Rhein-Neckar eine wichtige medizinische Anlaufstellenfunktion. Betroffene können sich behandeln lassen, mögliche Beweise sichern und sich beraten lassen, ohne sofort über eine Strafanzeige entscheiden zu müssen.