Ludwigshafen steht vor einem tiefgreifenden Umbau der Innenstadt. Nach dem Integrierten Innenstadtentwicklungskonzept (ISEK) sollen Straßen und Plätze in den kommenden zehn Jahren grüner, verkehrsärmer und stärker auf Aufenthalt, Wohnen, Kultur und Begegnung ausgerichtet werden. Im Zentrum der Pläne stehen die Kohl-Allee, die Bismarckstraße, mehrere Plätze und die bessere Verbindung zum Rheinufer und Hauptbahnhof.

Die Perspektiven wurden bei einer Veranstaltung im Zentrum für Baukultur vorgestellt. Alexander Thewalt und Manuel Steinbrenner, Dezernenten aus Ludwigshafen und Kaiserslautern, diskutierten dort über mutige Entscheidungen für Städte im industriellen Wandel. Anlass war die Finissage einer Ausstellung über Groningen. Die niederländische Stadt diente als Beispiel dafür, wie klimaresiliente und soziale Stadtentwicklung durch klare Ziele, politische Entscheidungen und Impulse aus der Bürgerschaft vorangebracht werden kann.

Von der Durchfahrtsstraße zum Stadtraum

Ein sichtbares Zeichen des Wandels soll die Kohl-Allee werden. Das Areal rund um die Straße sei bislang nicht entwickelt worden, obwohl die ebenerdige Verbindung Potenzial für Hemshof und Innenstadt biete. Nach den Plänen soll die Kohl-Allee nicht länger vor allem dem schnellen Durchqueren dienen. Vorgesehen sind breite Grünstreifen, neue Gehwege, Radspuren und Gastronomie im Erdgeschoss der angrenzenden Blockbauten.

Auch die Bismarckstraße soll sich verändern. Sie ist als verkehrsberuhigter Nachbarschaftsboulevard geplant. Rund um die beiden Boulevards Ludwigstraße und Bismarckstraße sollen begrünte Superblocks entstehen. Durchgangsverkehr soll dort weitgehend ausgeschlossen werden; nach dem vorgestellten Konzept soll innerhalb dieser Bereiche nur noch Radfahren erlaubt sein. Die Idee orientiert sich an den sogenannten Superblocks in Barcelona.

Mehr Aufenthaltsqualität ist außerdem für den Karl-Kornmann-Platz, den Theatervorplatz, den Hans-Klüber-Platz und den Bürgerhof vorgesehen. Diese Flächen sollen entsiegelt und mit Bäumen verschattet werden. Für die Entsiegelung der Plätze ist laut Vorstellung ein Abschluss bis Ende 2026 vorgesehen. Aus dem Förderprogramm KIPKI stehen für das ISEK 10,5 Millionen Euro bereit.

Förderung trotz angespannter Haushaltslage

Die Stadt sieht in der Finanzierung eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Vorhaben nicht auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Laut Thewalt könnten rund 90 Prozent der ISEK-Maßnahmen über Landesförderung finanziert werden. Die verbleibenden zehn Prozent müsse Ludwigshafen als Eigenanteil aufbringen, obwohl der Haushalt nicht ausgeglichen ist.

Zum städtebaulichen Paket gehören auch eine Aufwertung von Innenstadtblöcken und eine stärkere soziale Durchmischung. Weitere Bildungseinrichtungen sollen sich in der City ansiedeln. Das Rheinufer soll zusätzliche Zugänge erhalten und attraktiver gestaltet werden. Für den Vorplatz des Hauptbahnhofs ist ein neues Gesicht geplant; zugleich soll der Bahnhof besser angebunden werden.

Hinter den Überlegungen steht ein verändertes Innenstadtbild. Einkaufen sei in vielen Städten nicht mehr der wichtigste Grund für einen Besuch. In Ludwigshafen habe dagegen das Kulturangebot an Bedeutung gewonnen. Genannt wurden ein gut gefüllter Theatersaal und die Stadtbibliothek als Treffpunkt für junge Menschen. Als größter Schulstandort der Region ziehe Ludwigshafen zudem viele junge Menschen an.

Parken, Migration und neue Wärmequellen

Als Beispiel für eine politisch umstrittene, aber mutige Entscheidung wurde das Parken genannt. Nach einem einstimmigen Ratsbeschluss erhöhte die Stadtverwaltung 2023 die Parkgebühren in der Innenstadt auf einen Euro für 20 Minuten. In anderen Stadtteilen wurden 50 Cent für 20 Minuten fällig. Auch die Kosten für einen Parkausweis stiegen von 30 auf 180 Euro. Möglich geworden war die Anpassung durch eine Regelung von Bund und Ländern aus dem Jahr 2022.

Zur Entwicklung der Innenstadt zählen nach der Diskussion auch migrantisch geprägte Geschäftsstraßen. Solche Bereiche könnten Gewerbesteuereinnahmen, Nahversorgung, Arbeitsplätze und Unterstützung für neu Zugewanderte schaffen. Gerade Geschäfte mit ausländischen Lebensmitteln seien zudem ein Angebot, das nicht ohne Weiteres durch den Onlinehandel ersetzt werde. Nach dieser Einschätzung können sie Leerstand entgegenwirken.

Ein weiterer Ansatzpunkt liegt bei der Wärmeversorgung. Neben Fernwärme aus der Müllverbrennung könnte künftig Abwärme aus dem BASF-Werk genutzt werden. Nach den Angaben bei der Veranstaltung stammen 80 Prozent des städtischen Abwassers aus dem Werk; es fließe mit mehr als 20 Grad in den Rhein. Würde diese Wärme nutzbar gemacht, könnten damit 14.000 Haushalte versorgt werden. Außerdem laufe bereits ein gemeinsames Geothermieprojekt mit BASF. Der Chemiekonzern wolle auf erneuerbare Energien umsteigen.

Eine Stilllegung und Entfernung der Gasnetze könnte zusätzliche Flächen für Entsiegelung schaffen. Wie schnell ein industriell geprägter Ort sich verändern kann, zeigte Ausstellungskurator Matthias Rottmann am Beispiel Rotterdam. Die Stadt habe industrielle Abwärme, freie Flächen und ihre Lage am Rhein genutzt, Künstler, Unternehmen und Universitäten angesprochen und so einen umfassenden Wandel angestoßen.

Für Ludwigshafen ergibt sich daraus ein langfristiges Entwicklungsbild: weniger versiegelte Flächen, mehr Bäume und Radverbindungen, neue Nutzungen für die Innenstadt und eine stärkere Verbindung von Wohnen, Bildung, Kultur und Gewerbe. Ob die geplanten Veränderungen tatsächlich im vorgesehenen Tempo umgesetzt werden, hängt dabei auch von Fördermitteln, politischen Entscheidungen und der Beteiligung der Stadtgesellschaft ab.