Nach fast drei Jahrzehnten endet in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen eine Ära: Robert Azari geht in den Ruhestand. Der heute 66-Jährige arbeitet dort seit 1998 als Streetworker und hat über die Jahre Generationen von Jugendlichen begleitet. Für die Menschen im Viertel war er Ansprechpartner, Sozialarbeiter und vertrautes Gesicht – für Azari selbst wurde die Bayreuther Straße zu einem Stück Heimat.
Sein letzter Arbeitstag ist zugleich ein Abschied von einem Ort, an dem er Jugendliche in Schule und Gesellschaft integrieren sollte. Azari hatte sein Büro direkt in der Bayreuther Straße. Vor zwei Jahren erhielt er einen neuen Raum mit Blick auf den Innenhof. Von dort konnte er die Jugendlichen beobachten, die dort Fußball spielten. Lange konnte er den neuen Arbeitsplatz allerdings nicht nutzen: Nun beginnt für ihn der Ruhestand.
Vertrauen durch Musik, Fußball und gemeinsame Projekte
Als Azari 1998 anfing, hatte das Viertel bereits einen schlechten Ruf. Seine ersten Erfahrungen waren schwierig. Ihm stand zunächst eine Gruppe Jugendlicher gegenüber, deren Vertrauen er sich erst erarbeiten musste. Er organisierte Musikprojekte und gründete Bands, ließ Wände farbig gestalten und veranstaltete Fußballturniere.
Die Beziehung zu einigen Jugendlichen hielt auch dann, wenn sie später im Gefängnis saßen. Azari besuchte manche von ihnen dort. Für ihn war das ein wichtiges Signal: Er ließ die jungen Menschen auch in schwierigen Situationen nicht allein. Seine Arbeit bestand damit nicht nur aus Gesprächen im Büro, sondern auch daraus, im Alltag präsent und erreichbar zu bleiben.
Azari wollte schon immer Sozialarbeiter werden. Sein Vater kam aus dem Iran, und Azari beschreibt, dass er als Kind in einer Zeit mit wenigen Menschen ausländischer Herkunft besonders auffiel. Außerdem war er ein Scheidungskind. Nach einem schlechten Hauptschulabschluss studierte er Soziale Arbeit und erhielt seinen ersten Arbeitsplatz als Streetworker in der Bayreuther Straße.
Zwischen Gemeinschaft und großen Problemen
Die Wohnblöcke in der Bayreuther Straße waren ursprünglich als vorübergehende Notunterkünfte errichtet worden. Nach Angaben Azaris leben dort Menschen mit Schulden sowie Bewohner mit Drogen- oder Alkoholproblemen. Inzwischen wohnen dort auch Geflüchtete; zu Beginn seiner Tätigkeit seien dort vor allem Deutsche untergebracht gewesen.
Die Gebäude werden im Ausgangsmaterial als teils stark sanierungsbedürftig beschrieben. Einige verfügten demnach noch immer nicht über eine Heizung und hätten lediglich Gemeinschaftsduschen. Der geplante Abriss und Neubau der sogenannten „roten Blöcke“ wurde mehrfach verschoben. Auch eine Sanierung der Notunterkünfte in der Bayreuther Straße verzögerte sich wiederholt. In einem weiteren Zusammenhang wird zudem von Asbest in Wohnungen für obdachlose Menschen in der Kropsburgstraße berichtet.
Azari sieht neben den Belastungen aber auch die soziale Bindung im Viertel. Viele Menschen kennen sich, und für manche ist die Bayreuther Straße trotz ihrer tristen Umgebung ein Zuhause. Der Streetworker hat Bewohner unterstützt, die eine Arbeit oder eine bessere Wohnung gefunden haben. Manche hätten den Sprung aus dem Viertel geschafft, andere seien deutlich länger geblieben als ursprünglich geplant.
Schulabsentismus ging zurück, Drogenprobleme blieben
Zu den größten Problemen unter Jugendlichen gehörte nach Azaris Einschätzung zu Beginn seiner Tätigkeit das häufige Fernbleiben vom Unterricht. Das habe sich verändert. Kindergärten fingen heute mehr auf, und Ganztagsschulen leisteten ebenfalls einen Beitrag. Die Drogenprobleme seien jedoch geblieben.
Zu den belastendsten Erfahrungen gehörten für Azari Besuche bei Bewohnern im Krankenhaus, die wegen Drogen- oder Alkoholmissbrauchs nicht mehr weitermachen konnten. Einige starben später. Über die Jahre fotografierte Azari das Leben in der Bayreuther Straße. Für seine Abschiedsfeier hat er zahlreiche Bilder aus den 1990er- und 2000er-Jahren ausgedruckt. Er möchte sie den Anwohnern mitgeben.
Auf manchen Fotos erkennt Azari Menschen, die heute nicht mehr leben. Er sagt, man habe den Bildern angesehen, dass einige bereits zu viele Drogen genommen hätten und es nie aus dem Viertel herausgeschafft hätten. Die Erfahrungen haben seinen Blick auf den Beruf geprägt. Für die Arbeit brauche es etwas Abstand, erklärte er, und bestimmte Dinge müsse man akzeptieren.
Für Azaris Stelle gibt es bereits einen Nachfolger. Der junge Sozialarbeiter kennt den 66-Jährigen schon und soll in dessen Büro einziehen. Azari traut ihm die Aufgabe zu. Wichtig sei, Grenzen zu setzen und den Jugendlichen zugleich auf Augenhöhe zu begegnen.
Zum Abschied plant Azari ein Fest für die Bewohner der Bayreuther Straße. Außerdem hat er Fernse Beiträge des SWR über das Viertel auf einer DVD zusammengestellt. Nach 30 Jahren möchte er nun zunächst einen alten Freund in Australien besuchen. Danach stehen Entspannung und Sport auf dem Plan. Auch wenn er inzwischen in Mannheim wohnt, will Azari weiterhin nach Ludwigshafen kommen – und auch die Bayreuther Straße besuchen.