Speyer setzt sich im Herbst 2026 mit sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen auseinander. Vom 7. September bis zum 24. Oktober ist die Wanderausstellung „Kunst gegen Missbrauch“ in der Maximilianstraße 99 zu sehen. Die Stadt möchte damit Informationen zugänglich machen, für Risiken und Warnsignale sensibilisieren und Räume für Gespräche über Schutz, Verantwortung und den Umgang mit Betroffenen schaffen.
Sexualisierte Gewalt findet häufig im Verborgenen statt und kann bei Betroffenen langfristige Spuren hinterlassen. Die Ausstellung nähert sich dem Thema deshalb nicht über Darstellungen von Taten oder Tätern. Stattdessen zeigt sie vertraute, alltägliche Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche bewegen. So entsteht die Frage, was hinter scheinbar sicheren Umgebungen geschehen kann und welche Verantwortung Erwachsene und Institutionen tragen.
Initiiert wurde „Kunst gegen Missbrauch“ von Nezilla. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Professorin Dr. Julia Wege. Im Mittelpunkt stehen Fotografien von Felicitas Yang und Armando Milano. Ergänzt werden sie durch Arbeiten von Julius Wolf. Der Künstler ist selbst Betroffener sexualisierter Gewalt in der Kindheit. Seine Werke bringen damit eine persönliche Perspektive in die Ausstellung ein und machen sichtbar, dass hinter öffentlichen Debatten und statistischen Zahlen individuelle Erfahrungen und Lebensgeschichten stehen.
Nach Angaben der Veranstalter soll die Ausstellung nicht schockieren. Sie soll vielmehr dazu anregen, hinzusehen, Fragen zu stellen und über Prävention sowie Unterstützung zu sprechen. Präsentiert wird sie von der Gleichstellungsstelle der Stadt Speyer in Kooperation mit der Evangelischen Kirche der Pfalz, dem Bistum Speyer und dem Frauennotruf Speyer.
Fünf Termine beschäftigen sich mit Prävention und Aufarbeitung
Das Rahmenprogramm richtet sich an Fachkräfte, Eltern, Ehrenamtliche und interessierte Bürgerinnen und Bürger. Der erste Termin findet am 16. September statt. Bei einem Q&A sprechen Mitarbeitende des Frauennotrufs Speyer sowie der Fachstellen gegen sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche der Pfalz und des Bistums Speyer über die Situation vor Ort. Im Mittelpunkt stehen Unterstützungsangebote für Betroffene in Speyer, Herausforderungen bei Prävention und Verarbeitung sowie die Bedeutung der Ausstellung für die Stadt.
Am 23. September folgt der Vortrag „Zwischen Ja und Nein – warum sexuelle Bildung schützt“. Pauline Grotheer, Sexualpädagogin bei pro familia Ludwigshafen, erläutert, welche Rolle sexuelle Bildung beim Schutz vor sexualisierter Gewalt spielen kann. Der Ansatz geht über die reine Vermittlung des „Nein-Sagens“ hinaus. Die Veranstaltung richtet sich an Fachkräfte, Eltern und alle, die sich mit Prävention beschäftigen möchten.
Um Erinnerung und Aufarbeitung geht es am 30. September bei „Sexualisierte Gewalt sichtbar machen – erinnern, aufarbeiten, Verantwortung übernehmen“. Sexualisierte Gewalt und sexualisierter Machtmissbrauch seien lange verschwiegen und verdrängt worden, heißt es in der Ankündigung. Vorgestellt wird unter anderem ein Aufarbeitungsprojekt der Universität Mannheim zum sexuellen Missbrauch im Bistum Speyer. Außerdem berichtet ein Betroffener aus seiner Perspektive und stellt konkrete Projekte zur Aufarbeitung und Erinnerung vor.
Der Workshop „How to Schutzkonzept: Schutz vor sexualisierter Gewalt wirksam gestalten“ am 7. Oktober richtet sich besonders an Verantwortliche aus Vereinen, Verbänden, Kommunen, sozialen und pädagogischen Einrichtungen, Kirchengemeinden sowie weiteren Organisationen. Barbara Hocke, organisatorische Leiterin der Fachstelle „Schutz vor sexualisierter Gewalt“ der Evangelischen Kirche der Pfalz, und Patricia Maria Keil, Referentin für Intervention und insoweit erfahrene Fachkraft, vermitteln Grundlagen und praktische Ansätze. Behandelt werden Präventions- und Interventionsmaßnahmen sowie die Frage, wie Schutzkonzepte verbindlich in Organisationen verankert werden können.
Den Abschluss bildet am 14. Oktober ein Q&A mit Anette Diehl. Sie ist seit Juli 2026 die erste unabhängige Landesbeauftragte gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz. In Speyer stellt sie ihre neue Aufgabe und ihre Arbeit vor. Anschließend ist Zeit für Fragen und Austausch. Diehl soll dazu beitragen, Schutzstrukturen im Land weiterzuentwickeln und die Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung, Fachpraxis, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Betroffenen zu stärken.
Ausstellung in der Maximilianstraße, Veranstaltungen im Rathaus
Eröffnet wird die Ausstellung am Montag, 7. September, um 18 Uhr durch Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler und Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst. Im Anschluss führt Julius Wolf in das Ausstellungskonzept ein. Die regulären Öffnungszeiten in der Maximilianstraße 99 sind mittwochs von 16 bis 18.30 Uhr und samstags von 14 bis 17 Uhr.
- 16. September 2026, 18 bis 19.30 Uhr: Q&A mit den Organisatorinnen im Sophie-La-Roche-Haus, Maximilianstraße 99.
- 23. September 2026, 18 bis 20 Uhr: „Zwischen Ja und Nein – warum sexuelle Bildung schützt“ mit Pauline Grotheer im Historischen Ratssaal des Rathauses, Maximilianstraße 12.
- 30. September 2026, 18 bis 20 Uhr: „Sexualisierte Gewalt sichtbar machen – erinnern, aufarbeiten, Verantwortung übernehmen“ im Historischen Ratssaal.
- 7. Oktober 2026, 18 bis 20 Uhr: Workshop „How to Schutzkonzept“ mit Barbara Hocke und Patricia Maria Keil im Historischen Ratssaal.
- 14. Oktober 2026, 18 bis 19.30 Uhr: Q&A mit Landesbeauftragter Anette Diehl im Historischen Ratssaal.
Die Teilnahme an allen Veranstaltungen ist kostenfrei. Für jeden einzelnen Termin ist jedoch eine Anmeldung erforderlich. Informationen zur Ausstellung, zum Programm und zur Anmeldung gibt es unter www.speyer.de/kunst-gegen-missbrauch.
Das Programm macht zugleich deutlich, dass Kinderschutz nicht erst bei einem konkreten Verdachtsfall beginnt. Dazu gehören die Stärkung von Kindern und Jugendlichen, die Sensibilisierung von Erwachsenen, verlässliche Beratungs- und Interventionsangebote sowie die regelmäßige Überprüfung institutioneller Strukturen. Die Ausstellung soll diese verschiedenen Perspektiven in Speyer zusammenführen und die Auseinandersetzung über den Herbst hinaus fortsetzen.