Ein grüner Park auf der Hochstraße Nord in Ludwigshafen klingt nach einer möglichen Alternative zum Abriss und zum Bau der Kohl-Allee. Doch ein Brückenbauingenieur, der bis 1981 in dem vom damaligen Auftraggeber der Stadt beauftragten Ingenieurbüro an der Errichtung der Hochstraße arbeitete, warnt vor erheblichen technischen Risiken. Vor allem eine intensive Begrünung mit Bäumen könne das Bauwerk durch zusätzliches Gewicht und eindringende Feuchtigkeit belasten.
Der Streit über die Zukunft der Hochstraße Nord schwelt seit Jahren. Die Bürgerinitiative Lebenswertes Ludwigshafen (BLL) will den Abriss und den Bau der Kohl-Allee verhindern. Stattdessen setzt sie auf einen Dachpark nach Vorbildern in Rotterdam und New York. Die Initiative ließ die Idee einer begrünten Hochstraße Nord in einer Skizze festhalten.
Rotterdam zeigt, was ein Dachpark leisten könnte
Seit 2025 entsteht in Rotterdam auf einem zwei Kilometer langen Eisenbahnviadukt ein intensiv begrünter Dachpark. Das Projekt soll benachbarte Quartiere kühlen, Nachbarschaften verbinden und Natur in die Stadt bringen. Vorgesehen sind unter anderem Plätze für Spiel, Sport, Entspannung und Picknicks. Balkone auf Höhe der Baumkronen sollen Ausblicke auf die umliegenden Quartiere ermöglichen.
In den kommenden Jahren sollen außerdem Straßen rund um den Bahnhof Rotterdam entsiegelt und begrünt werden. So soll ein vernetzter Grüngürtel um das Viadukt entstehen. Nach Einschätzung des befragten Experten lässt sich dieses Vorbild jedoch nicht ohne Weiteres auf die Ludwigshafener Hochstraße übertragen: Bei den begrünten Beispielen in Rotterdam und New York handelt es sich um Eisenbahntrassen.
Feuchtigkeit und Wurzeln als Risiko für die Hochstraße
Für Bäume wäre eine etwa ein Meter dicke Substratschicht nötig, die Wasser für die Pflanzen speichert. Genau darin sieht der Ingenieur ein Problem. Ältere Brücken aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren hätten häufig nur eine rund ein Zentimeter dicke Betonschicht über dem Stahl. Heute gelte eine fünf Zentimeter dicke Betonschicht als erforderlich, um den Stahl vor Wasser zu schützen.
„Für eine intensive Begrünung mit Bäumen braucht es eine Schicht mit Substrat von einem Meter. Dieses muss Wasser für die Pflanzen speichern. Wo Begrünung ist, ist deshalb auch Wasser.“
Dringe Wasser ein, könne der Beton bröckeln und der Stahl rosten. Auch die Gummiabdichtungen der Hochstraße könnten durch Wurzeln und Schmutz in Zwischenräumen beschädigt werden. Feuchtigkeit könnte dann in das Innere der Brücke gelangen, etwa in die Brückenkappen. Diese befestigen die Brückenränder und machen das Bauwerk sicher begehbar.
Ein weiteres Problem wäre die spätere Kontrolle. Ein Dachgarten würde Teile der Brücke verdecken und damit die Prüfung auf Schäden sowie eine mögliche Ertüchtigung erschweren. Nach Einschätzung des Experten könnten herabfallende Bauteile darunterliegende Plätze und Straßen verkehrsunsicher machen.
Extensive Begrünung wäre weniger wirksam
Das Tragwerk bereitet dem Ingenieur im Vergleich dazu die geringsten Sorgen, weil die Hochstraße für 17-Tonner ausgelegt sei. Allerdings könnten Bäume mit bis zu 1.200 Kilogramm Gewicht pro Quadratmeter die Belastungsgrenze dennoch erheblich beanspruchen. Eine ein Meter dicke Substratschicht entspräche ungefähr der Belastung, die dauerhaft im Stau stehende 17,5-Tonner erzeugen würden.
Eine intensive Begrünung würde laut dem Experten regelmäßige Ertüchtigungen im Abstand von 20 bis 50 Jahren voraussetzen. Gerade diese Arbeiten wären durch den Dachgarten jedoch kaum möglich. Zudem würde eine extensive Begrünung mit Sträuchern und Gräsern die Hitze deutlich weniger abmildern. Beton und Brückenkappen würden sich weiterhin aufheizen und Wärme zurückstrahlen.
Der Ingenieur betont zugleich, dass ingenieurtechnisch vieles möglich sei. Ob ein solches Projekt angesichts der baulichen Voraussetzungen wirtschaftlich und vertretbar wäre, sei jedoch eine andere Frage.
Als mögliche Perspektive für Ludwigshafen verweist der Beitrag auf ebenerdige Grün- und Freiräume. Durch das Quartier City West wächst der Friedenspark um neun Hektar. Außerdem sind entlang der Kohl-Allee und in einer neuen Klimastraße Baumpflanzungen vorgesehen. Entsiegelung und andere blau-grüne Infrastrukturen gelten dem Beitrag zufolge besonders im Straßenraum als zukunftsträchtig.
Sollte der Verkehr langfristig zurückgehen, könnte auf der ebenerdigen Kohl-Allee eine neue Bahntrasse entstehen. Seitenstraßen könnten dann zu Alleen werden. Diese Überlegungen ersetzen jedoch keine Entscheidung über die Zukunft der Hochstraße Nord.