Unter und neben der Hochstraße Nord in Ludwigshafen ist über Jahrzehnte ein großes innerstädtisches Areal unbebaut geblieben. Während der Abriss der Hochstraße im Sommer 2026 beginnen soll, rückt nun die Frage in den Mittelpunkt, warum die Flächen seit den 1980er-Jahren nicht entwickelt wurden – und welche Chancen sich aus dem Rückbau ergeben.

Direkt an der Trasse entstanden seit ihrer Fertigstellung zwei große Parkplätze und ein Bowling-Center. Das Kreishaus sowie die Hochhäuser am Brückenkopf wurden dagegen bereits während der Bauphase der Hochstraße Nord fertiggestellt. Eine zusammenhängende Bebauung des Areals blieb jedoch aus. Nach Darstellung des Wochenblatt-Beitrags ging die Stadt davon aus, keine Investoren für eine solche Entwicklung zu finden.

Die Hochstraße galt zunächst als Zeichen des Fortschritts

Die Hochstraßen wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren nach dem Leitbild einer autozentrierten Stadt geplant. Der Durchgangsverkehr sollte auf Bundesstraßen kreuzungsfrei über Straßen und Gleise geführt werden. Verkehrsplaner verbanden damit nicht nur eine Entlastung der Innenstädte, sondern auch die Erwartung, dass die futuristische Architektur das Stadtbild aufwerten und Grundstückswerte steigen lassen würde.

Auch in Ludwigshafen wurden nach der Freigabe des ersten Teilstücks der Trasse Investoren gefunden. In den 1970er-Jahren errichtete das Unternehmen Mosch das Mosch-Hochhaus neben der Trasse. Kaufland baute bis 1960 etwas versetzt am Berliner Platz die „Tortenschachtel“. Der Berliner Platz wurde nach der Freigabe des ersten Hochstraßen-Teilstücks neu bebaut; ein Durchgang zum Rheinufer sollte zusätzlich zur Aufwertung beitragen.

Die Hochstraße Süd führte über bereits bebaute Innenstadtbereiche. Teile der Bebauung entstanden parallel zum Bau der Trasse, etwa in der Bürgermeister-Kutterer-Straße in den 1950er-Jahren. Das Areal der Hochstraße Nord hatte diese Ausgangslage nicht. Es blieb in weiten Teilen eine ungenutzte Fläche neben dem Verkehrsbauwerk.

Umdenken und fehlende Investoren stoppten die Pläne

Ende der 1970er-Jahre änderte sich die Bewertung der Hochstraßen. Stadtplaner sahen zunehmend deren Trennwirkung zwischen Quartieren und die visuellen Barrieren. Unter den Bauwerken entstanden dunkle Bereiche, daneben lagen Straßenzüge mit geringer Aufenthaltsqualität. Der Beitrag verweist außerdem auf eine Studie der TU Berlin, nach der Hochstraßen Abwertungseffekte für angrenzende Nachbarschaften haben können. Entscheidend sei dabei die Entfernung zum jeweiligen Aktionszentrum.

Für Ludwigshafen beschreibt der Beitrag allerdings ein differenziertes Bild: Nur einzelne Straßenzüge seien von einer Entwertung betroffen gewesen. Der Platz um die „Tortenschachtel“ habe bis in die 1980er-Jahre als einer der beliebtesten Orte im Zentrum gegolten. Auch die durchschnittlich hohen Bodenpreise entlang der Hochstraße lagen demnach kaum unter denen benachbarter Areale.

1981 entwickelte das Stadtplanungsamt die Idee, das Hochstraßenstück zu unterbauen. Die Stadtspitze setzte damals jedoch andere Schwerpunkte. Wegen des wirtschaftlichen Strukturwandels stiegen die Arbeitslosenzahlen, weshalb Sozial- und Arbeitspolitik als dringender galten. In den 1980er-Jahren plante die Stadt zudem in sieben Stadtteilen Siedlungen, um Familien aus der Mittelschicht in Ludwigshafen zu halten.

Der ehemalige Stadtplaner Thomas Braier schrieb in seiner Stadtchronik, für Maßnahmen dieser Art habe sich seinerzeit kein Investor interessiert. Als Gründe wurden die geringe Nutzung und die mangelhafte Aufenthaltsqualität der Flächen genannt. Skizzen aus den 1980er-Jahren sahen unter der Hochstraße auch eine vollständige Begrünung vor, die sich in ein Grünband in Ost-West-Richtung hätte einfügen können.

39 Hektar sollen neue Entwicklung ermöglichen

In den 1990er-Jahren gerieten Hochstraßen zusätzlich wegen ihrer hohen Bau- und Unterhaltskosten in die Kritik. Abriss und Neubau einer ebenerdigen Trasse oder eine Untertunnelung galten vielerorts als wirtschaftlichere Alternativen zu einer Ertüchtigung nach 40 bis 50 Jahren. Laut Beitrag wurde inzwischen bei nahezu jeder Hochstraße in Deutschland über einen Rückbau nachgedacht; Studien hätten gezeigt, dass eine überzeugende Integration in das Stadtbild nur selten gelinge.

Die Hochstraße Süd erfüllt nach wie vor die Funktion, den Verkehr über die Stadt zu führen. Zugleich wird die Hochstraße von vielen Ludwigshafenerinnen und Ludwigshafenern auch ästhetisch wahrgenommen. Nach ihrer Sanierung verlaufe sie elliptisch durch die Stadt und wirke durch schlankere Pfeiler leichter und filigraner, weil mehr Licht unter das Bauwerk falle.

Mit dem für 2026 angekündigten Abriss der Hochstraße Nord sollen 39 Hektar frei werden. Vorgesehen sind eine Erweiterung des Stadtparks, attraktive Neubebauung und neue Nutzungen am Fluss. Im Umfeld der Flussnähe sowie des 18 Hektar großen Friedensparks soll ein modernes, nachhaltiges Quartier mit Gewerbe, Wohnen und weiteren Nutzungen entstehen. Der Beitrag bezeichnet diese Entwicklung als große Chance für Ludwigshafen und erwartet, dass sie neue Aufwärtstrends in der Stadtentwicklung anstoßen kann.