Beim 22. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen rücken am ersten Wochenende drei Wettbewerbsfilme ungewöhnliche Frauenleben und die Suche nach einem freien, selbstbestimmten Leben in den Mittelpunkt. „Wurzeln und Flügel“, „Rose“ und „Silent Friend“ erzählen von wechselnden Vorstellungen von Zuhause, von Verkleidung und vom Wunsch nach Zugehörigkeit.

Die Filme unterscheiden sich deutlich in Ton und Zeit: Anatol Schusters „Wurzeln und Flügel“ ist laut der Besprechung sanft und poetisch, Markus Schleinzers „Rose“ verbindet ein historisches Versteckspiel mit einem Freiheitskonflikt, und Ildikó Enyedis „Silent Friend“ setzt auf eine ruhigere, beinahe philosophische Atmosphäre. Alle drei Beiträge gehören zum Wettbewerbsprogramm des Festivals auf der Parkinsel.

„Wurzeln und Flügel“: Unterwegs mit Mutter und Tochter

Schusters Film beginnt mit einer Kindheitserinnerung. Eine erwachsene weibliche Stimme spricht aus dem Off über den „bittersüßen Geschmack von Kirschen“, während ein kleines Mädchen beim Essen von Kirschen gezeigt wird. Aus der Perspektive der Fünfjährigen Maja entfaltet sich die Geschichte einer ungewöhnlichen Kindheit; dabei vermischen sich Gegenwart und erinnerte Vergangenheit.

Maja, gespielt von Gaia Aljona, ist noch knapp im Vorschulalter und zieht mit ihrer Mutter Marie durch die Welt. Die beiden kommen einmal hier, einmal dort unter, ihre gesamten Habseligkeiten passen in einen braunen Koffer. Marie, dargestellt von Lisa Charlotte Fri Friederich, ist Straßenkünstlerin und tritt in einem angedeuteten Clownskostüm auf. Sie bringt Passanten spielerisch aus ihrem Alltagstrott.

Die vagabundierende Lebensweise führt Mutter und Tochter schließlich nach Italien. Ein Italiener tauscht mit Marie Telefonnummern aus; später steht sie mit Maja vor seiner Tür und wird vorübergehend sesshafter. Dass Marie perfekt Italienisch spricht, hilft dabei. Zugleich zeichnet der Film sie nicht als verantwortungslose Mutter: Am Ende tritt Majas Großvater, gespielt von Wolfram Koch, in die Handlung ein.

Marie möchte schließlich allein als Zirkusclownin weiterziehen. Der Film stellt dieser Freiheit jedoch eine Frage entgegen: Kann ein Leben unterwegs auch ein Zuhause sein? Schuster, der aus Darmstadt stammt und früher Regieassistent bei Edgar Reitz war, hatte auf der Parkinsel bereits Erfolg. Für sein Debüt „Luft“ erhielt er 2017 eine „Ludwigshafener Auszeichnung“ für seine Regie.

„Rose“: Freiheit in Männerkleidung

Auch Markus Schleinzers mehrfach preisgekrönter Wettbewerbsfilm „Rose“ handelt von einer Frau, die sich entfalten und selbstbestimmt leben möchte. Sandra Hüller spielt Rose, eine schweigsame Frau, die am Ende des Dreißigjährigen Kriegs in Männerkleidung in ein Dorf kommt. Dort will sie ein ererbtes Haus beziehen und möglicherweise eine neue Heimat finden.

Zunächst scheint ihr Plan aufzugehen. Rose gewinnt den Respekt der Dorfgemeinschaft, nachdem sie einen Bären in die Flucht jagt. Später lässt sie sich auf einen Handel mit einem Großbauern und eine Ehe ein. Dadurch gerät ihr Versteckspiel zunehmend unter Druck.

Als ihre Wahrheit ans Licht kommt, muss Rose vor Gericht. Ihre Erklärung für die Verkleidung lautet: „In der Hose war mehr Freiheit“. Sie wollte als Waise ihr eigenes Glück schmieden. Der Film macht damit sichtbar, wie eng persönliche Freiheit, gesellschaftliche Erwartungen und die Suche nach einem sicheren Ort miteinander verbunden sind.

„Silent Friend“: Drei Zeiten, ein Gingko

Deutlich freundlicher und ruhiger ist „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi. Der Film spielt auf drei Zeitebenen und verbindet ebenfalls ungewöhnliche Lebensgeschichten von Frauen und Menschen, die nach Zugehörigkeit suchen.

Im Jahr 1908 ist Grete, gespielt von Luna Wedler, die erste Frau, die an der Universität Marburg studieren darf. Nach einem entwürdigenden und anzüglichen Bewerbungsgespräch findet die bereits kundige Botanikerin Trost an einem Gingko im Botanischen Garten. Der Baum wird zum stillen Zeugen ihrer Geschichte.

In den 1970er Jahren liest dort ein Student Gedichte. Zugleich untersucht die Studentin Gundula, dargestellt von Marlene Burow, wie eine Geranie auf Zuwendung reagiert. Sie ist ebenfalls ein Freigeist, sucht trotz ihrer Hippiehaltung aber nach Zugehörigkeit.

Die dritte Zeitebene führt ins Jahr 2020. Der aus Hongkong stammende Neurowissenschaftler Tony, gespielt von Tony Leung Chiu-wai, strandet wegen der Pandemie allein auf dem Universitätsgelände. Normalerweise untersucht er die Hirnreaktionen von Säuglingen; in Marburg widmet er sich dem Gingko, einem skeptischen Gärtner und einem Hausmeister. Die Besprechung beschreibt den Film als nahezu meditativ und als Werk, das Ruhe und Erfüllung ausstrahlt.

Termine auf der Parkinsel

  • „Wurzeln und Flügel“ läuft am 22. und 23. August. Am Festival sind Anatol Schuster, Lisa Charlotte Friederich und Kameramann Adrian Campean angekündigt.
  • „Rose“ ist am 23. August mit Schauspielerin Annalisa Hohl zu sehen, die die Tochter des Großbauern spielt. Eine weitere Vorführung ist für den 24. August genannt.
  • „Silent Friend“ läuft am 23. August ohne Gast, außerdem am 30. August und am 4. September. Für den 4. September ist ein Bühnengespräch mit Rainer Bock angekündigt.

Damit setzt das Festival am ersten Wochenende einen Schwerpunkt auf Figuren, die sich gegen vorgegebene Rollen behaupten: eine Mutter, die zwischen Freiheit und Verantwortung unterwegs ist, eine Frau, die ihre Identität verbergen muss, und Frauen wie Grete und Gundula, die sich Bildung, Forschung und Zugehörigkeit erschließen wollen.