Beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen standen in Filmgesprächen nicht nur zwei außergewöhnliche Werke, sondern auch Fragen nach Würde, Erinnerung und gesellschaftlicher Verantwortung im Mittelpunkt. Schauspieler Christian Berkel und die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi stellten sich jeweils ausführlich den Fragen des Publikums.

Ildikó Enyedi erzählt von einem Baum als stillen Begleiter

Enyedi sprach über ihren Wettbewerbsfilm „Silent Friend“, dessen Hauptfigur kein Mensch, sondern ein Ginkgobaum ist. Der Film erzählt drei Geschichten über Außenseiter in unterschiedlichen Zeiten. Gemeinsamer Bezugspunkt ist ein Baum im Botanischen Garten in Marburg, der die Figuren als stiller Begleiter verbindet.

Die Regisseurin berichtete, dass die größte Herausforderung beim Dreh darin bestanden habe, einen „Hauptdarsteller ohne Gesicht“ zu inszenieren, der zudem nicht sprechen könne. Für das Schlussbild mit einem freistehenden, besonders eindrucksvollen Ginkgo wich das Team allerdings nach Südungarn aus. Der Baum in Marburg stehe an einer Mauer und sei deshalb weniger fotogen gewesen.

Im Zentrum von „Silent Friend“ stehen laut Enyedi Sinneswahrnehmungen. Der Film spielt teilweise während der Corona-Zeit und beschäftigt sich mit der Isolation und der Beziehung des Menschen zu seiner Umgebung. Enyedi zog dabei auch eine persönliche Verbindung: Während sie in einer kleinen Wohnung in Budapest isoliert gewesen sei, habe sie eine Beziehung zu dem Kirschbaum vor ihrem Fenster entwickelt.

Christian Berkel spricht über Erinnerung und Demokratie

Auch Christian Berkel erwies sich in Ludwigshafen als ausführlicher und persönlicher Gesprächspartner. Der 68-Jährige sprach über Ingmar Bergman, für den er einst drehen durfte, und über das Theater, an dem er besonders das Unwiederholbare schätzt.

Am Vorabend seiner Auszeichnung für Schauspielkunst hatte Berkel bereits über seinen Film „Block 10“ gesprochen. Darin spielt er einen jüdischen Arzt, der in Auschwitz Frauen zwangssterilisieren musste. Berkel ist selbst der Sohn einer Jüdin, die das Lager Gurs überlebt hatte. Der Zuspruch des Publikums habe ihn tief berührt.

Mit dem Film wolle er an eine zu wenig bekannte Facette des Holocaust und an den von Menschen verantworteten Zivilisationsbruch erinnern. Zugleich bezog er die Geschichte auf die Gegenwart. Berkel warnte vor einem neuen Schweigen, das aus Ermüdung an der Demokratie entstehen könne, und beschrieb die mögliche Gefahr als Tsunami, der die Freiheit wegspült.

Bei der Verleihung des Schauspielpreises sprach sich Berkel offen für ein AfD-Verbotsverfahren aus. Menschen, die die Freiheit bedrohten, müsse man die Tür weisen, sagte er mit Verweis auf das Grundgesetz und den dort verankerten Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Weitere Vorführungen in Ludwigshafen

„Silent Friend“ läuft beim Festival noch am 4. September. Ildikó Enyedi kommt dafür zu einem weiteren Filmgespräch nach Ludwigshafen. „Block 10“ ist noch am 2. und 4. September zu sehen. Weitere Informationen und Details gibt es laut Quelle unter www.fflu.de.