In der Annur-Moschee in Ludwigshafen tritt regelmäßig der Prediger Ismail Mohamed Refaat auf. Der Deutsch-Ägypter spricht dort auf Arabisch über religiöse Themen. Auszüge aus Predigten und Internetvideos, die dem SWR vorlagen, bewerten mehrere Experten als islamistisch geprägt.
Der Annur-Kulturverein präsentiert sich nach außen weltoffen und hatte zuletzt zum Tag der offenen Moschee eingeladen. Auf der Homepage des Vereins steht ein Bild mit der Aufschrift „Welcome“. Gleichzeitig ist Refaat laut Videos auf der Facebook-Seite des Vereins seit September mindestens achtmal in der Ludwigshafener Moschee aufgetreten, zuletzt am vergangenen Dienstag.
Experten sehen Bezüge zu islamistischen Vorstellungen
In einem inzwischen nicht mehr abrufbaren Video vom Januar beklagte Refaat laut deutscher Übersetzung die angebliche Abwesenheit von Gottes Gesetz und seiner Herrschaft auf Erden. Diese sei demnach tief in Alltag, Rechtssysteme und Wirtschaftsleben eingebettet. In einer weiteren Predigt sagte er: „Wenn wir nicht zuerst den islamischen Staat in unseren Herzen errichten, wird er niemals auf unserem Land errichtet werden.“
Auch den Begriff Dschihad verwendet Refaat nach Darstellung des SWR im militärischen Zusammenhang. In einem ebenfalls nicht mehr abrufbaren Video vom April 2025 bezeichnete er den Dschihad als eine „sehr edle, kultivierte und zivilisierte Bedeutung“. Den Einsatz von Waffen und Terrorismus in Deutschland lehne er zwar ab. Wenn muslimische Länder angegriffen würden, sei der Dschihad jedoch eine persönliche Pflicht. Als von „Ungläubigen“ besetzte Gebiete nannte er unter anderem die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, den Balkan, die Philippinen und Indien.
Der Jurist und Islamismus-Experte Adam Ashab von der Fachstelle Islam im Land Brandenburg sagte, in Refaats Weltbild stünden religiöse Werte über dem sozialen und politischen System. Der Berliner Nahost-Experte Christoph Leonhardt erkannte in den Dschihad-Aussagen eine unmittelbare Übertragung auf aktuelle Konflikte. Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer beschrieb die vorgelegten Predigten als durchgehend von Gewaltmetaphorik geprägt, auch wenn darin nicht zu Gewalt aufgerufen werde.
Verbindungen zu einer Vereinigung in der Türkei
Nach Recherchen des SWR ist Refaat „Botschafter“ der in der Türkei ansässigen Internationalen Vereinigung zur Unterstützung des Propheten. Die Organisation führte in der Vergangenheit Kampagnen gegen Mohammed-Karikaturen durch. Bei ihrer Gründungsversammlung 2021 war unter anderem Khaled Mishal anwesend, der damals Politbüro-Chef der Hamas war.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilte dem SWR mit, die Vereinigung sei aus einer Organisation in Katar gegründet worden, die maßgeblich durch die Muslimbruderschaft beeinflusst sei. Die Muslimbruderschaft lehnt laut dem rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz weltliche Gesetze zugunsten einer islamischen Ordnung ab.
In einem Artikel für eine Zeitschrift der türkischen Vereinigung bezeichnete Refaat den Hamas-Mitbegründer Scheick Abu Yasin als „Helden“. Ein begleitender Social-Media-Beitrag zeigte neben Refaat auch die frühere Hamas-Führungsfigur Yahya Sinwar. Ein weiteres Foto zeigt Refaat mutmaßlich bei einer Veranstaltung der Muslimbrüder 2013 in Kairo.
Verein weist Extremismusvorwurf zurück
Der Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz teilte auf Anfrage mit, die Annur-Moschee und Refaat seien den Sicherheitsbehörden des Landes grundsätzlich bekannt. Zu einzelnen Predigtpassagen und möglichen Bezügen zur Muslimbruderschaft äußerte sich die Behörde nicht.
Der Vorsitzende des Annur-Kulturvereins, Mahmoud Breighith, nahm zu den konkreten Aussagen nicht Stellung. Der Verein wolle die Passagen weder „relativieren noch eine bestimmte Interpretation vorgeben“. In den Aktivitäten des Predigers habe man keine extremistischen Positionen oder eine Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wahrgenommen. Die in Deutschland geltende Ordnung respektiere der Verein uneingeschränkt; dies habe auch Refaat gegenüber dem Verein erklärt. Eine politische oder ideologische Instrumentalisierung der religiösen Arbeit widerspreche dem Vereinszweck.
Eine Anfrage des SWR zu den Predigten und den mutmaßlichen Kontakten zur Muslimbruderschaft ließ Refaat unbeantwortet.